Sustainability: Nur ein Buzz-Wort? Das bedeutet „Nachhaltigkeit“ für deutsche Unternehmer

27. Oktober 2016

5 Min. Lesezeit

Sustainability –  ein Modewort, das weltweit durch die Medien schießt. Doch was bedeutet „Nachhaltigkeit“ für deutsche Unternehmen und Medien? Wir haben nachgefragt!

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Der Begriff „Nachhaltigkeit“ stammt ursprünglich aus der Forstwirtschaft. Dort hat der Freiberger Oberberghauptmann Hans Carl von Carlowitz (1645-1714) die Idee in Spiel gebracht, nur so viele Bäume abzuholzen, wie der Wald auf natürliche Weise regenerieren kann. Übertragen auf die Neuzeit bedeutet das Prinzip: Menschen und Unternehmen, die nachhaltig handeln, sollten die begrenzten Kapazitäten von Mensch und Natur achten, damit das Wirtschaftssystem auch für kommende Generationen Bestand hat. Und welche Maßnahmen haben Unternehmen eingeführt, die von sich selbst behaupten eine Nachhaltigkeitsstrategie zu verfolgen? Sieben Interviewpartner stehen uns Rede und Antwort:

„Unsere Mitarbeiter sind unser wichtigstes Gut“
Andrea Frohleiks, Geschäftsführerin bei der diva-e Digital Value Enterprise GmbH am Standort Bochum Andrea Frohleiks, Geschäftsführerin bei der diva-e Digital Value Enterprise GmbH am Standort Bochum

Andrea Frohleiks ist Geschäftsführerin bei der diva-e Digital Value Enterprise GmbH, einem E-Business-Dienstleister für die digitale Wertschöpfungskette. Für sie bedeutet Nachhaltigkeit mehr als nur Umweltschutz. „diva-e basiert als Dienstleistungsunternehmen vor allem auf dem Know-how und der Arbeitskraft seiner Mitarbeiter. Unsere Mitarbeiter sind daher unser wichtigstes Gut“, sagt Frohleiks. „Home Office, Teilzeit und flexible Arbeitszeiten sind für uns Normalität. Und natürlich nehmen bei uns auch die männlichen Kollegen die Möglichkeit wahr, in Elternzeit zu gehen.“ Nachhaltigkeit bedeute zudem, sich rechtzeitig um Fachkräftenachwuchs zu kümmern. Nur so könne das Unternehmen nachhaltig leistungskräftige und motivierte Teams sicherstellen. „Vom Volontariat über Traineeships bis hin zu Ausbildungen in drei verschiedenen Fachrichtungen, Berufseinsteiger sind bei uns herzlich Willkommen – und bisher konnten wir über 90 Prozent aller Mitarbeiter übernehmen, die bei uns ein Volontariat, Traineeship oder eine Ausbildung machen.“

„Um die Gesundheit unserer Mitarbeiter zu fördern, bieten wir Rückenkurse und subventionierte Massagen an“
Julia Fortenbacher, HR Business Partner & Team Lead bei der diva-e Digital Value Enterprise GmbH Julia Fortenbacher, HR Business Partner & Team Lead bei der diva-e Digital Value Enterprise GmbH

Für Julia Fortenbacher zählt auch der Bereich Gesundheitsmanagement zum Thema Nachhaltigkeit. In Deutschland sind beispielsweise Muskel- und Skeletterkrankungen mit einem Anteil von über 20 Prozent eine der häufigsten Ursachen für Arbeitsunfähigkeit. „Für unsere gesundheitsbewussten Mitarbeiter in Karlsruhe und Berlin bieten wir einen wöchentlichen Rückenkurs und alle 14 Tage eine subventionierte Massage an. Zudem gibt es Ergonomieberatungen, Sportgruppen und einen Fitnessraum“, erklärt Fortenbacher. Das Thema Nachhaltigkeit sei aber auch aus anderen Unternehmensbereichen nicht mehr wegzudenken. „Wir haben beispielsweise ein Green Team im Unternehmen, das sich für Themen wie Ökostrom, Recyclingpapier, Foodsharing und eine Umweltfibel eingesetzt hat.“

„Unternehmer sollten Verantwortung für alle Menschen übernehmen, die am Produkt mitarbeiten“
Gerd Pfitzenmaier, Chefredakteur des PDF-Magazins global° Gerd Pfitzenmaier, Chefredakteur des PDF-Magazins global°

Und wie sieht Gerd Pfitzenmaier, Chefredakteur des Magazins „Global ¬¬– Magazin für eine nachhaltige Zukunft“ das Thema Sustainability in Unternehmen? „Nachhaltigkeit im Arbeits- und Büroalltag verlangt mehr als nur Müll zu trennen oder mit Energie, Wasser und Material verantwortlich und sorgsam umzugehen, um Biodiversität und Klima zu schützen“, ist Pfitzenmaier überzeugt. Unternehmer sollten Verantwortung für alle Menschen übernehmen, die am Produkt mitarbeiten. „Das reicht von der Schaffung gesunder Arbeitsplätze bis zur Abschaffung inhumaner oder unfairer Bezahlung.“ Im Fokus stehen sollten auch die Menschen, die das Produkt nutzen oder es entsorgen müssen. „Nachhaltige Betriebe schaffen Produkte, die weder der Umwelt noch Menschen schaden.“

„2015 ist es uns gelungen, den G7-Gipfel in Elmau in einem Naturschutzgebiet stattfinden zu lassen und nachhaltig zu gestalten“
Sebastian Niehoff, Projektmanager der PoolGroup Sebastian Niehoff, Projektmanager der PoolGroup

Auch die PoolGroup aus Emsdetten, die seit über 30 Jahren im Event-Geschäft tätig ist, hat sich das Thema Sustainability auf die Fahnen geschrieben. „Für einen allumfassenden Umweltschutz bedarf es eines Systems, das die Funktionalität der Maßnahmen bewertet“, sagt Sebastian Niehoff, Projektmanager der PoolGroup. „Daher haben wir uns nach dem Regelwerk der EMAS-Zertifizierung der Europäischen Union aufgestellt und sind seit April 2015 ein zertifiziertes Unternehmen.“ EMAS ist die Abkürzung für „Eco-Management and Audit Scheme“ und bezeichnet ein 1993 von der EU entwickeltes Instrument, mit dem Unternehmen ihre Umweltleistung verbessern können. Es ist auch bekannte als EU-Öko-Audit. Für die Zertifizierung musste die PoolGroup eine Erklärung mit Umweltleistungen und Umweltzielen veröffentlichen. Darin beschrieben ist das Umweltmanagementsystem Poolgreen, das die Umweltbilanz von Veranstaltungen verbessert.

„Nachhaltige Mitarbeiterbindung erfordert nicht nur neue Arbeitswelten, sondern auch neue Arbeitskulturen“
saskia-juretzek-foto_22.jpg Dr. Saskia Juretzek, Sustainability-Managerin bei der Allianz SE

Für Und wie geht die Allianz als einer der weltgrößten Finanzdienstleister das Thema Nachhaltigkeit an? „Als großer Investor und Versicherer sind Umwelt- und Sozialstandards, ebenso wie gute Unternehmensführung für uns wichtig. Beispielsweise bieten wir Menschen mit niedrigen Einkommen in Asien, Afrika und Südamerika Mikroversicherungen an. Im Gegensatz zu den westlichen Märkten sind die Menschen dort nach wie vor stark unterversichert. Die Prämien für Mikroversicherungen beginnen bei einem Euro pro Jahr und sind ein wichtiges Auffangnetz in Verbindung mit Einkommensausfall, Krankheit, Unfall, Naturkatastrophen und Ernteausfall", sagt Juretzek, Sustainability-Managerin bei der Allianz SE. Ein großer Hebel für mehr Nachhaltigkeit liege auch in der Rolle des Investors: „Angesichts des Zwei-Grad-Ziels der Klimaverhandlungen in Paris (COP21) und im Bewusstsein der ökonomischen Risiken gab unser CEO Oliver Bäte im November 2015 bekannt, dass wir kohlebasierte Geschäftsmodelle nicht weiter finanzieren werden.“ (Das bedeutet, dass die Allianz keine eigenen Vermögenswerte mehr in Unternehmen investiert, die mehr als 30 Prozent ihres Umsatzes aus Kohlebergbau erwirtschaften oder mehr als 30 Prozent ihrer Energie aus Kohle erzeugen. Bis Marz 2016 werden Aktien in Hohe von 225 MIO Euro desinvestiert, während Anleihen in Hohe von 3,9 MRD Euro auslaufen werden.)

"Wer Menschen und Unternehmen gegen Risiken absichert, sollte gesellschaftliche und ökologische Veränderungen schon im Vorfeld verstehen"
Christian Motzko, Senior Director bei Vocatus Christian Motzko, Senior Director bei Vocatus

Unternehmen können Mitarbeiter nachhaltig binden, indem sie Arbeitswelten flexibilisieren. Doch damit geht eine kulturelle Veränderung einher, mit der sich viele Betriebe schwertun, sagt Christian Motzko, Senior Director beim Marktforschungs- und Beratungsunternehmen Vocatus. „Rein operativ sind flexible Arbeitszeiten, Home-Office und Co. meist relativ schnell umgesetzt“, sagt Motzko. Schwieriger ist es, Ziele für die Beschäftigten innovativ zu gestalten, um die gewonnene Flexibilität in messbare Leistung zu konvertieren. Und längst nicht alle Führungskräfte leben die neuen Möglichkeiten der Arbeitsgestaltung vor. Das Resultat: Mitarbeiter sind verunsichert und wissen nicht, wie sie mit der neuen Flexibilität umgehen sollen – was erlaubt und erwünscht ist. „Folglich belastet immer mehr Beschäftigte das Gefühl, weder den beruflichen noch den privaten Anforderungen gerecht zu werden – und das trotz zunehmender Flexibilität. Unternehmen, die diese kulturellen Voraussetzungen vordenken, sichern sich eine nachhaltige Mitarbeiterbindung, die weit über Zufriedenheit und Motivation hinausgeht.“

„Der Müllberg an gebrauchten Büromöbeln wächst jedes Jahr um 7,5 Millionen Tonnen. Einen entsprechend großen Hebel können Unternehmen hier beim Umweltschutz ansetzen.“
Christine Müller, Geschäftsführerin der Greenoffice Agentur Christine Müller, Geschäftsführerin der Greenoffice Agentur

Nachhaltigkeit kann auch beim Thema Büroausstattung Einzug in Unternehmen halten. Das weiß Christine Müller. Die Geschäftsführerin der Greenoffice Agentur mit Firmenzentrale in Berlin berät seit 2005 deutschlandweit Unternehmen zum Thema Sustainability und stattet sie mit ihrem Netzwerk auch gleich mit Gebrauchtwaren aus. „Viele Marken-Büromöbel haben eine Lebensdauer von mindestens 20 Jahren, fliegen aber weit früher aus Büros raus, obwohl sie noch völlig in Ordnung sind“, sagt Müller. „Das verursacht einen riesigen Müllberg, der jedes Jahr um 7,5 Millionen Tonnen anwächst. Einen entsprechend großen Hebel können Unternehmen hier beim Umweltschutz ansetzen. „Der Secondhand-Markt ist nicht nur aus ökologischer Sicht sinnvoll, sondern auch aus wirtschaftlicher. Denn für gebrauchte Möbel zahlen Betriebe meist nur ein Drittel des Neupreises.“