Heike Meier-Henkel: „Leistung? Nicht um jeden Preis“

8. Dezember 2015

5 Min. Lesezeit

„Pausen sind wichtig für frische Gehirnzellen“: Die Hochsprung-Olympiasiegerin über die Kunst, im Job die Balance zu halten. Ihre Erfahrung: Wer hohen Erwartungen genügen will, braucht eine rundum gesunde Einstellung.

Heike Meier-Henkel: „Leistung? Nicht um jeden Preis“ (Desktop)

Es sind die positiven Bilder im Kopf, die einen zu Höchstleistungen beflügeln: Heike Meier-Henkel glaubt fest daran. Auch dank ihrer mentalen Stärke feierte sie im Profisport große Siege. Heute gibt sie als Coach ihre Tricks weiter: In Unternehmen wirkt die Ex-Leistungssportlerin als Expertin für Fitness und Motivation - und erklärt den positiven Umgang mit Stress. Beim Corporate Health Award wirkt Meier-Henkel als „Ambassador“ mit.

Frau Meier-Henkel, wie hält sich eine Olympiasiegerin fit, 23 Jahre nach der Goldmedaille?

Ich laufe zweimal die Woche und gehe viel mit dem Hund, das ist auch Sport. Ich bin durch Walken reingekommen, das reichte mir irgendwann nicht mehr. Ich genieße es, durch den Wald zu laufen. Total erledigt bin ich danach aber nicht, sonst würde ich die Lust verlieren.

Dann begegnen Sie auch jenen Läufern, die schon morgens mit der Stirnlampe auf den nächsten Marathon trainieren. Wie sehen Sie mögliche Übertreibungen?

Wenn ich im Job schon powere und in der Freizeit auch noch, steht der Erholungseffekt infrage. Manche brauchen vielleicht solche hohen Ziele, um das durchzuhalten. Die Frage ist, was will ich: Nutze ich Sport, um neue Energie zu schöpfen für Beruf und Alltagsleben? Oder suche ich eine Herausforderung? Wenn man es aus gesundheitlichen Gründen macht, würde ich vom Wettkampfsport abraten.

Sie vertreten heute auch als Coach eine gesunde Lebenshaltung. Was sind zentrale Bestandteile?

Wichtig ist gesunde Ernährung, aber es ist auch nötig, sich Pausen zu gönnen, um eine Balance zu schaffen.

In der Praxis steigen allerdings die Abnutzungserscheinungen. Inwieweit sind die Arbeitgeber in der Pflicht, für Freiräume zu sorgen?

Viele Unternehmen haben die Bedeutung schon erkannt und bezuschussen etwa den Gang ins Fitnessstudio. Die Mitarbeiter können nicht permanent am Schreibtisch Hochleistung bringen. Pausen sind wichtig für frische Gehirnzellen. Manche Chefs sind bei dieser Erkenntnis aber noch nicht angekommen.

Auf zum Betriebsrat?

Keine schlechte Idee, wenn man nur auf Widerstand stößt. Man darf natürlich nicht alles auf den Arbeitgeber schieben. Man setzt sich ja auch selbst immer wieder unter Druck. Die wenigsten setzen sich damit auseinander. Die machen und machen und sind hinterher überrascht, dass von außen gar nicht so viel erwartet wurde. Jeder ist gefordert, in sich reinzuhören: Was fördert mich, was hindert mich?

Welche Rolle spielt die Gruppendynamik – etwa wenn man in einem Team das Tempo mitgehen muss?

Da ist oft mehr Toleranz gefragt. Es gibt Menschen, die länger brauchen, aber gute Ideen haben. Anderen geht es nie schnell genug. Einige meinen, sie könnten permanent auf 100 Prozent laufen. Das geht nur eine gewisse Zeit gut. Es ist schwierig, das gesunde Maß zu finden – gerade in einer Gruppe.

Die Regeneration des einen kommt als Faulheit beim anderen an...

Es ist eben individuell: Ich habe zum Beispiel als Hochspringerin sehr effektiv einmal am Tag trainiert, während andere meinten, sie bräuchten zwei Einheiten. Das Resultat war das gleiche. Ich brauchte aber die Pause, für die Muskeln und den Kopf.

Inzwischen stellen erste Firmen sogar sogenannte Feelgood-Manager ein. Ist dieser Bereich womöglich schon übercoacht?

Ich weiß nicht, ob jeder wirklich so selbstreflektiert ist. Den Außenblick verliert man mit der Zeit. Vor allem, wenn man in der Maschinerie drin ist – immer weiter, immer höher. Da ist es nicht schlecht, wenn ein Coach einem zu erkennen hilft, wo man gerade steht.

Wie vermitteln Sie Mitarbeitern in Ihren Workshops Aha-Erlebnisse?

Meist erwecke ich das Wissen bei den Menschen nur wieder. Dass sie etwa dieses Körpergefühl wiedergewinnen, was ja jeder Mensch besitzt, das aber auf Dauer verloren geht. Der Fokus sollte abgerückt werden von dem, was man gerade tut. Mal drüber nachdenken: Wie habe ich es früher gemacht? Was habe ich gerne getan? Das sind keine neuen Erfindungen. Jeder hat es im Grunde in sich und weiß ganz genau, was gut für ihn ist.

Im September waren Sie erstmals seit 1992 wieder an der Stätte Ihres Olympiasiegs - im leeren Stadion in Barcelona. Was haben Sie da gefühlt?

Es war unerwartet emotional, als ich da reinkam. Wie es der Zufall wollte, spielten sie bei einer Soundprobe das Olympia-Lied. Ich hatte Bilder im Kopf, die im Laufe der Zeit schon verschwunden waren. Es war wieder alles sehr greifbar.

Es heißt, Sie hätten sich damals schon vor dem Siegsprung über die Latte fliegen sehen. Eine Art Autosuggestion?

Genau. Ich habe die Latte oft höher gelegt, um es mir bildlich vorstellen zu können und mich gedanklich da drüber zu schwingen. Wenn ich es mir nicht vorstellen kann, dass ich über eine bestimmte Höhe springe, wird es auch nie passieren.

Sie haben stets gegen Doping gekämpft, auch im Vorstand der Nada. Heute erleben wir selbst im Job, dass leistungssteigernde Mittel eingesetzt werden.

Sport ist ein Spiegelbild der Gesellschaft. Das Schlimme an der Entwicklung ist, dass viele damit ihren Körper und Geist jemand anderem in die Hände geben. Sie rücken immer weiter weg von der eigenen Persönlichkeit

Die Grenzen sind fließend – von der Magnesiumtablette zum Beruhigungsmittel Ritalin. Wo setzt man an?

Ich bin immer für Maßhalten, auch bei Vitaminen und Koffein. Wenn ich Krämpfe habe, ist Magnesium okay, aber nicht zur Vorbeugung. Auch diese modischen Getränke – brauche ich die, sind sie gut für mich? Nein, weglassen.

Als Mutter von drei Kindern kennen Sie das Thema Work-Life-Balance gut. Wie kommen die Unternehmen auf diesem Gebiet voran?

Am besten, man orientiert sich an guten Beispielen: In skandinavischen Ländern etwa sind Vaterschaftsurlaube und Betriebskindergärten seit Jahren etabliert. In guten Unternehmen werden Mitarbeiter auch als Vater, Mutter oder pflegender Sohn wahrgenommen – und nicht nur als Arbeitsmaschine. Wer sich umfassend wertgeschätzt fühlt, identifiziert sich selbstverständlich auch mehr mit seinem Arbeitgeber. Um für solche Zusammenhänge stärker zu sensibilisieren, dafür stehen Wettbewerbe wie der Corporate Health Award.

Haben Sie das Gefühl, dass Sie mit Ihren Thesen zu mehr Balance in den Unternehmen wirklich durchdringen? Oder buchen die Sie eher als Incentive?

Ich mache vorher klar, worum es mir geht: dass die Leute natürlich Leistung bringen sollen, aber nicht um jeden Preis. Ich bin nicht die Richtige, mit einer neuen Methode noch ein Quäntchen Leistung rauszuquetschen. Ich biete einen Weg an, mit den vorhandenen Ressourcen so umzugehen, dass Leistung rauskommt, aber auch der Mensch dabei nicht verloren geht.

Und nach dieser Ansprache bucht man Sie trotzdem?

Es werden wohl tatsächlich häufiger Extremsportler gebucht, die zehn Achttausender erklommen haben. Dem Tode nahe gewesen zu sein, das scheint auch immer wichtiger zu werden. Da denke ich dann auch: Hier wäre ich wohl falsch. Das ist nicht mein Weg. Und dass man mit meinem Weg erfolgreich sein kann, dafür bin ich das beste Beispiel. Und ich kenne noch mehr davon.

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