Handelsblatt Industriegipfel: Deutsche Unternehmen sollen enger zusammenrücken

28. Oktober 2015

2 Min. Lesezeit

Viele Firmen haben das Thema Industrie 4.0 noch nicht erkannt. Was passieren muss, damit Deutschland international nicht abgehängt wird, darüber diskutierten die Teilnehmer des 1. Handelsblatt Industriegipfels in Berlin.

Handelsblatt Industriegipfel: Deutsche Unternehmen sollen enger zusammenrücken (Desktop)

 

Berlin Dieter Schweer macht sich Sorgen, dass die deutsche Industrie bei der Digitalisierung ins Hintertreffen gerät: „60 Prozent der Mittelständler haben das Thema nicht erkannt. Das ist eine erschreckend hohe Zahl“, warnte das Mitglied der Hauptgeschäftsführung des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) beim 1. Industriegipfel des Handelsblatts zum Thema Industrie 4.0 am Montag in Berlin.

Den einen Mittelständler gebe es zwar nicht, erklärte Fraunhofer-Präsident Reimund Neugebauer. Doch es gebe einerseits Unternehmen, die ein „bisschen übervorsichtig sind“ und andererseits auch einige, die „gehen richtig nach vorn“. Einig waren sich die Teilnehmer jedoch darin, dass das Thema Industrie 4.0 Chefsache werden muss.

Was die Unternehmen brauchen und worauf es bei der Digitalisierung jetzt ankommt, darüber sprachen die Diskussionsteilnehmer am ersten Tag des 1. Handelsblatt Industriegipfels in Berlin. „Wir betreten Neuland“, sagte Handelsblatt-Chefredakteur Hans-Jürgen Jakobs zu Beginn der Konferenz, in Anspielung auf die berühmt gewordenen Worte von Bundeskanzlerin Angela Merkel, mit denen sie die Herausforderungen der Digitalisierung beschrieben hatte.

Hat EU-Digitalkommissar Günther Oettinger Recht mit seinem Urteil, dass wir die IT-Führerschaft verloren haben, wollte Handelsblatt-Chefredakteur Jakobs wissen. Die Bilanz der Tagungsteilnehmer fiel nüchtern aus. „Wir haben sie nicht verloren, wir hatten sie nie“, analysierte Henning Kagermann, Chef der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften Acatech.

Beim Thema IT sei Deutschland im Mittelfeld. BDI-Geschäftsführer Schweer wurde differenzierter: Oettinger unterscheide nicht genau zwischen Business-to-Business und Business-to-Consumer. Beim Thema Business-to-Consumer seien die Amerikaner zwar besser, aber bei Business-to-Business haben wir eine „hervorragende Ausgangsbasis“, sagte er.

Die Diskussionsteilnehmer identifizierten mehrere Baustellen. So müsse das Internet schneller werden, um Maschinen untereinander besser vernetzen zu können. Die Verbindungen müssten zudem sicherer werden, sowohl bei der Verfügbarkeit als auch bei der Datensicherheit. Europa sollte gemeinsame Standards setzen, damit man mit einer Stimme sprechen könne, wenn es um gemeinsame Standards etwa mit den USA gehe, forderte Fraunhofer-Präsident Neugebauer.

Fachkräfte als große Herausforderung

Auch Reinhard Clemens, Vorstandsmitglied bei der Deutschen Telekom, sprach sich für ein international einheitliches Auftreten aus: „Europa muss mit einer Stimme sprechen. Wir können es uns nicht leisten, zu sagen, ein nationaler Standard wird sich schon international durchsetzen.“ BDI-Geschäftsführer Schweer mahnte jedoch, dass die Standards nicht von der Politik entwickelt werden sollten, sondern von Unternehmen selbst oder Institutionen wie der Fraunhofer Gesellschaft.

Die Digitalisierung stellt die Welt der Unternehmen auf den Kopf. Zum Beispiel, wie die Unternehmen miteinander umgehen. Aus Konkurrenten werden Partner. Keine Firma werde das Gesamttableau anbieten können, man müsse zusammenarbeiten, um die individuellen Ansprüche der Kunden zu befriedigen, erklärte Fraunhofer-Präsident Neugebauer. „Der Wettbewerb findet zwischen Ökosystemen statt.“ Genau dort gibt es jedoch traditionell noch Defizite beim deutschen Mittelstand. „Wir müssen als Industrie lernen, wie wir besser zusammenarbeiten“, mahnte auch Telekom-Vorstand Clemens. Innovationen entstünden durch Dialog. Auch die Deutsche Telekom arbeitet mit anderen Unternehmen zusammen, etwa mit Siemens.

Eine große Herausforderung sahen die Tagungsteilnehmer beim Thema Fachkräfte. Selbst der Roboterbauer Kuka habe heute Probleme Fachleute zu finden, weil die Fachleute von Google abgeworben werden, erläuterte Acatech-Chef Kagermann „Da frage ich mich, wie das erst für einen kleinen Mittelständler ist.“ Auch Telekom-Vorstandsmitglied Clemens mahnte, dass die Politik dieses Thema im Blick haben müsse.

Die bemüht sich, die deutschen Unternehmen beim Thema Industrie 4.0 zu unterstützen, etwa durch die Plattform Industrie 4.0. Erst Mitte September gab Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) den Startschuss für fünf Kompetenzzentren, die das Thema in den Mittelstand tragen sollen.

BDI-Experte Schweer lobte die Zusammenarbeit mit der Politik und mahnte vor zu vielen Regeln, etwa bei der Datensicherheit. „Die Amerikaner machen erstmal, und ziehen dann Grenzen. Wir machen erstmal gar nicht, weil wir ins Gesetzbuch gucken“, sagte er. Wir müssten „freier werden im Kopf“ und uns nicht selber beschränken.

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