Weiterkommen in der Filmbranche mit Kylie Flavell

26. Mai 2015

5 Min. Lesezeit

HP hat sich Kylie Flavell, Filmemacherin, TV-Moderatorin, Redakteurin und Produzentin, als Gesprächspartnerin für das Thema „Frauen im Film“ während des Filmfestivals in Cannes ausgewählt. Erfahren Sie mehr über ihre Karriere und weshalb sie das Filmemachen für eine gefährliche Liebesaffäre hält.

Weiterkommen in der Filmbranche mit Kylie Flavell (Desktop)

  1. Welche Barrieren gibt es für Frauen, die in die Filmbranche möchten?

    Kylie Flavell (KF): Ich glaube, es gibt weniger weibliche Rollenmodelle auf die man sich festlegen oder mit denen man sich identifizieren kann. Ich hoffe, dass sich das ändern wird.

  2. Wer hat Ihre Karriere im Film unterstützt und sich für Sie eingesetzt?

    KF: Aldo DiFelice, der Leiter des kanadischen Senders TLN. Ich habe ihm gesagt, dass ich eine Schwarzweiß-Stummfilm-Comedy-Kochserie machen wollte, im Stil von The Artist und Ieri, Oggi, Domani. Anstatt wegen dieses Genre-Mix auszuflippen, sagte er: „Das gefällt mir, mach mir 20 Folgen“. Sender sagen während Konferenzen oder in ihren Presseveröffentlichungen gerne, sie würden Risiken eingehen, die Wahrheit ist jedoch, dass nur wenige mutig genug sind, um in ein Konzept zu investieren, das keine Blaupause von etwas ist, das bereits Erfolg hatte.

  3. Was inspiriert Sie außerhalb der Branche?

    KF: Ich kann mir kaum vorstellen, was „außerhalb der Branche“ sein könnte. Als Micro-Indie- oder sonstige Filmemacherin versucht man einen Traum zu realisieren und dann neigt man dazu, die Arbeit in jeden Winkel des eigenen Lebens eindringen zu lassen. Ich liebe diese extreme Erfahrung, ein Projekt über Monate oder Jahre zu leben und zu atmen. Ich möchte niemals einen Job haben, den ich „abschalten“ kann, sobald ich das Büro verlassen habe. Ich glaube nicht an Work-Life-Balance. Ich glaube, wenn die Idee gut und man wirklich überzeugt ist, dann ist es die gefährlichste aller Liebesaffären, und man muss einfach rund um die Uhr an sie denken.

  4. Welchen Rat würden Sie einem Teenager geben, der in die Filmbranche einsteigen möchte?

    KF: Viele Leute jammern: „Ich wünschte, ich hätte deinen Job“ oder „Wenn ich nur meiner Leidenschaft folgen könnte“, aber wenn man heutzutage geduldig und beharrlich ist, dann haben die meisten von uns den Zugang und die kostenlosen Online-Tools, um sich selbst auszubilden und all das zu erreichen, was man sich wünscht. Ein Grund dafür, dass so viele Menschen nicht das tun, was sie tun möchten, ist, dass man darauf vorbereitet sein muss, etwas zu opfern – Zeit, Freunde, Stolz, Sicherheit. Es ist sehr viel schwieriger auf diese Dinge zu verzichten, als wir uns vorstellen können. Vor mir liegt noch ein weiter Weg, bevor ich mich selbst als „erfolgreich“ einstufen würde, aber ich wache jeden Tag auf und freue mich wie ein Kind auf meine Arbeit. Wenn man diese unerschütterliche Klarheit einmal hat, dann überwindet man Ablehnung, Schlafmangel und alles andere, was man aushalten muss.

  5. Was waren Ihre Ziele, als Sie im Filmgeschäft begonnen haben? Und was hat sich verändert?

    KF: Ich war immer von Filmen besessen. Als ich mich auf der Universität für das absolute Nischenthema neorealistisches italienisches Kino entschieden habe, war das nicht unbedingt der direkte Weg zu einem Job. Ich habe als Journalistin begonnen und den Übergang zur Produzentin und TV-Gastgeberin geschafft. Die Kameraleute und Redakteure haben mir gesagt, meine Pläne seien zu anspruchsvoll, zu teuer und unmöglich innerhalb des Produktionszeitraums zu realisieren. Erst als ich mich selbst mit jedem einzelnen Aspekt einer Produktion vertraut gemacht hatte und eine eigene Fernsehserie ohne ein anderes Crew- oder Produktionsmitglied gemacht habe, ist mir klar geworden, dass die Branche sich mit alarmierender und aufregender Schnelligkeit verändert. Man kann nicht mehr sagen „So haben wir das immer schon gemacht, das ist alles, was möglich ist“. Die Technologie verändert sich, das Publikumsverhalten ändert sich. Weshalb also nicht experimentieren und die Grenzen der Arbeitsweisen der Crew und des Postproduktionsteams verschieben?

  6. Was ist der schwierigste Teil Ihres Jobs?

    KF: Es ist hart, wenn man ständig Werbung am Telefon machen muss, unermüdlich E-Mails schreibt, ohne jemals eine Antwort zu bekommen oder vor jemandem zu sitzen, der sagt, dass man es niemals schaffen wird und dass man sich eine traditionelle Produktionsgesellschaft suchen und auf der sicheren Seite bleiben soll, damit man „es durch die Tür schafft“. Ich habe einem Leiter eines Senders einmal meinen Trailer gezeigt, und er glaubte mir nicht, dass ich ihn selbst gemacht hatte.

  7. Auf welche Arbeit sind Sie besonders stolz?

    KF: Im Moment bearbeite ich eine 13-teilige Reiseserie, für die ich ein Jahr in Italien gefilmt habe, und gleichzeitig filme und bearbeite ich eine neue Serie, die mich alle zwei Wochen in einem anderen Land zeigt. Ich habe beide Serien vollständig alleine produziert, ohne Finanzierung, ohne Crew, ohne Assistenten. Die erste verkaufe ich international an Discovery und NatGeo. Die zweite wird zuerst als Online-Preview gezeigt, und jede Episode hat über eine Million Zuschauer.

  8. Glauben Sie, dass Technologie Ihnen als Filmemacherin geholfen hat, Ihre Ziele zu realisieren?

    KF: Tagtäglich gehe ich mit meiner Ausrüstung auf dem Rücken zum Set. Ich bearbeite meine Aufnahmen in Flughäfen, in der Wüste, auf dem Gipfel eines Berges, in einem Boot. Ich kann meine Kamera mit einem anderen Gerät in meiner Hand verbinden, um den Rahmen zu überprüfen, wenn ich selbst filme. Ich kann eine Micro-Indie-Filmemacherin sein und mich mit einem Rotoskop oder Aufnahmen in 4K mit einer digitalen Spiegelreflex vertraut machen und dann alles auf einem Computer mit ausreichender Kapazität für beides bearbeiten.

  9. Welche Vorteile hat man als Frau in der Filmbranche?

    KF: Manchmal denke ich, dass die Menschen ein Mädchen mit einem Rucksack und einer kleinen Spiegelreflexkamera als nicht bedrohlich empfinden, fast so, als sei es mein Hobby, nicht Aufnahmen für eine TV-Show, die von Millionen Menschen gesehen wird. Ich glaube, das entspannt die Leute, die ich interviewe, und ermöglicht mir unglaublichen Zugang.

    Der Stil meiner Reisesendungen ähnelt eher einer Dokumentation, es ist eine Art Run-and-Gun-Filmen, das sehr spontan ist, ohne einen festen Produktionszeitplan, damit ich Gespräche und Situationen aufnehmen kann, die sich organisch ergeben. Egal, ob man mich in Marokko zu einer Hochzeit in das Haus der Familie einlädt oder ob ich mit jemandem spreche, der in Tränen ausbricht, wenn er seine Geschichte erzählt, für mich ist es einfach, einen Zugang zu finden, selbst dann, wenn die Sprache ein Hindernis ist.

    Die typische Figur eines Mannes mit einer Kamera auf der Schulter könnte bei manchen Menschen das Empfinden eines Fremden, eines Voyeurs, auslösen, der ihre Bewegungen dokumentiert, als seien sie Tiere in einem Zoo. Wenn ich aber gleichzeitig Interviewerin und Kamerafrau bin, dann vergessen sie häufig, dass überhaupt gefilmt wird, und genau dann kommt die Schönheit einer Person und ihrer Geschichte durch.

  10. Was können die Medien tun, um die Filmbranche in einem ausgewogeneren Licht darzustellen?

    KF: Manchmal habe ich das Gefühl, als würde man Frauen in der Filmindustrie nur ernst nehmen, wenn sie sich einem dunklen Thema zuwenden oder einem Problem mit einem echten Schockfaktor. Wenn ich die Kurzfilme junger Filmemacherinnen sehe, dann wählen sie fast immer Verzweiflungsthemen. Ich glaube, es ist genauso schwierig, jemand träumen oder lächeln zu lassen, wie ihn zu schockieren oder melancholisch zu stimmen. Hoffentlich bekommen die Filmemacherinnen, die uns die Schönheit des Lebens vor Augen führen, mehr konstruktiven Beifall.

Klicken Sie hier, um mehr über Kylie zu erfahren 

Fühlen auch Sie sich magisch angezogen von der Film-und Medienwelt? Dann sollten Sie sich Informationen zu ZED nicht entgehen lassen. Dieses einwöchige Festival für Kreative brachte Menschen und Firmen zusammen und half gegenseitig neue Einblicke zu gewinnen, Erfahrungen auszutauschen und sich zu inspirieren, indem spannende Showcases und Präsentationen von führenden Köpfen aus der Branche vorgestellt wurden

HP Produktberatung für Ihr Unternehmen