Das Desk-Sharing-Paradies: Existiert es wirklich?

28. September 2015

3 Min. Lesezeit

Desk-Sharing kann Mietpreise senken und erlaubt Mitarbeitern mehr Flexibilität. Sieht so das Büro der Zukunft aus? Ein digitaler Nomade erzählt.

Das Desk-Sharing-Paradies: Existiert es wirklich? (Desktop)

 

„Wo steckst du denn?“

Ich musste einfach fragen. Hühner und Hunde im Hintergrund, das Geräusch von lautem Regen auf einem Kupferdach und eine ungewöhnlich schlechte Skype-Verbindung verrieten, dass sich mein Gegenüber wahrscheinlich irgendwo auf dem Land befand. Und so war es auch: Molly McCluskey arbeitete von Bali aus. Sie half mir und zwei weiteren Autoren den Zusammenbruch der Rohstoffhandelsgesellschaft MF Global genauer zu untersuchen.

Das war im Herbst 2011. Heute arbeiten Millionen Angestellte mit nichts weiter als einem Laptop und einer WLAN-Verbindung gerüstet von Kaffees oder Coworking-Büros aus. Ihre multinationalen Arbeitgeber haben das traditionelle Bürokonzept aufgegeben. Stattdessen hat sich das sogenannte „Desk-Sharing“ zum Dreh- und Angelpunkt des modernen Büros entwickelt.

Der Unterschied zwischen Desk-Sharing und Coworking

Büroraumplaner sind vom Desk-Sharing-Konzept angetan. Schließlich ist es günstiger, keine Schreibtische zuweisen zu müssen, sondern es den Angestellten selbst zu überlassen, wie sie die Räumlichkeiten ihren Bedürfnissen nach nutzen wollen. Weniger Schreibtische und mehr freier Raum heißt auch weniger Kosten und mehr Flexibilität. Darüber hinaus können die Mitarbeiter den Arbeitsplatz wählen, der für die Erfüllung ihrer Aufgabe am besten geeignet ist, was wiederum zu einer erhöhten Produktivität führen kann.

Wenn Sie dieses Konzept nun mit einem Büro kombinieren, in dem Angestellte mehrerer Firmen zusammensitzen, dann ergibt das einen weiteren Trend: Coworking. Man findet diese Gemeinschaftsbüros auf fast allen Kontinenten und in Hunderten von Städten. Deskmag schätzt, dass bis 2018 2,3 Millionen Freiberufler regelmäßig in solchen Telearbeitszentren arbeiten werden. WeWork, eine Firma, die Büroplätze an 50 Standorten in 16 Städten und vier Ländern vermietet, hat bis dato Investitionen von über 1 Milliarde Dollar sichern können. Nomadische Arbeiter als Zielgruppe – da schnuppert man großes Geschäftspotenzial.

Immer willkommen, egal wo man ist

Im Juni fand die erste Konferenz Afrikas zum Thema Coworking in Kapstadt statt. Uber und Start-up-Investor TechStars waren Silbersponsoren der „Coworking Africa“ Konferenz, bei der Freiberufler, Mittelständler und andere Interessenten in der Hoffnung zusammenkamen, weitere Standorte für die neuen Wanderarbeitnehmer zu schaffen. Langfristig gesehen sieht die Organisation Coworking und Desk-Sharing für die afrikanische Wirtschaftsentwicklung als unabdingbar.

„Coworking-Büros bieten Arbeitnehmern lokale Netzwerklösungen und fortgeschrittene Infrastrukturen – und dies zu einem günstigeren Preis als klassische Büros. Besonders in afrikanischen Städten ist dies wichtig, da die Immobilienpreise dort für einen Großteil der Bevölkerung unbezahlbar sind,“ erklärt die Gruppe in ihrem Marketing-Text.

In anderen Regionen wird Desk-Sharing als praktische Methode gesehen, um Mietkosten zu senken. Angesichts der stetig steigenden Immobilienpreise in Europa und dem Rest der Welt stellen sie für viele Unternehmen den höchsten Kostenaufwand dar. In Großbritannien müssen sich die Whitehall-Beamten jeden Morgen anstellen, um einen freien Schreibtisch zu finden – das spart Bares. Kritiker behaupten, dass die sonst so ordentlichen Ämter durch das neue Bürokonzept im Chaos versinken.

Wie dem auch sei, das Timing scheint zumindest logisch. Eine vor kurzem veröffentlichte Studie des Immobilienmaklers CBRE hat festgestellt, dass die Mietpreise kommerzieller Immobilien in Großbritannien heute schneller steigen als in den letzten acht Jahren. Als Antwort darauf expandieren WeWork und andere Anbieter von Coworking-Büros. Sie verlassen sich einfach darauf, dass Kleinunternehmer die Kosten eines permanenten Büros lieber vermeiden würden.

Zeit, die Leine zu lockern

Angesichts der potenziellen Mietsenkung, der flexiblen Arbeitszeiten und der Vernetzung entlegener Regionen müssen wir uns fragen, ob Desk-Sharing nur ein Trend oder eine Evolution des klassischen Büros ist. Das hängt größtenteils davon ab, inwiefern Firmen dazu bereit sind, es ihren Mitarbeitern zu überlassen, wo und wann sie arbeiten. Für meine Kollegin Molly, die seit vier Jahren immer mal wieder von einer anderen entfernten Region aus gearbeitet hat, ist die Antwort ganz klar:

„Es besteht kein Grund, weshalb man im Büro physisch präsent sein muss. Es gibt ja schließlich auch andere Wege als das wöchentliche Fußballspiel, um den Teamgeist zu stärken“, so Molly, die heute mit mir aus Cardiff telefoniert.

„Man braucht nur die richtigen Tools“, sagt sie. Gute Business-Software-Programme haben. Ein starkes WLAN-Signal. Ein leistungsstarker Laptop, mit dem man gut reisen kann – wie zum Beispiel die Elite-Serie von HP. Wenn man all das hat, braucht man nur noch einen sauberen (und idealerweise ruhigen) Platz, wo man ihn benutzen kann. Ein Schreibtisch – ob geteilt oder traditionell – ist nicht erforderlich.